Die neuen Marineflieger

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Die Gründung der Marineflieger

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Als die Bundesrepublik Deutschland fast genau auf den Tag zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ihre Souveränität erlangte und am 9. Mai 1955 in die NATO aufgenommen wurde, konzentrierte sich die neue Bundesma­rine natürlich vorrangig auf die Beschaffung schwimmender Einheiten. Folglich dauerte es bis zum Spätsommer 1958, bis die ersten beiden Staffeln der Marineflieger in Dienst gestellt werden konnten - ein Jahr nach Aufstellung eines Heeresfliegerkommandos und der ersten Kampfgeschwader der Luftwaffe. Vorbereitende Maßnahmen waren natürlich schon früher eingeleitet worden. So war bereits am 26. Juni 1956 auf dem Fliegerhorst Kiel-Holtenau unter Führung von Fregattenkapitän R. Linke ein "Kommando der Marineflieger" aufgestellt wor­den. Das erste Flugzeug der neuen Truppengattung sollte von der Marinefliegergruppe 1 (MFGrpl) geflogen werden, die am 12. März 1957 auf dem Fliegerhorst Schleswig-Jagel formiert wurde.

 

Damals besaß die Bundesmarine noch kein einziges Flugzeug. Da ihre Seeluftstreitkräfte stets eine verhältnismäßig kleine Truppengattung bleiben sollten, wurde entschieden, ihr fliegendes Personal nicht in einem speziellen Ausbildungskommando, sondern in den regulären fliegenden Verbänden zu schulen, was wiederum zur Folge hatte, daß Marineflieger gemeinsam mit Luftwaffenpiloten ausgebildet wurden. Dies änderte sich erst, als das deutsche Ausbildungsprogramm in den sechziger Jahren in die USA verlegt wurde. Anfänglich wurden deutsche Piloten jedoch bei der US Navy ausgebildet, während Beobachter und Bordfunker ihr Handwerk bei der Royal Navy erlernten. Nicht weniger als 21 Monate dauerte die Ausbildung eines Marinefliegers und so traten Anfang 1956 die ersten Flugschüler auf dem Marinefliegerhorst Pensacola, Florida, zur dreimonatigen theoretischen Schulung an.

Ausbildung und Beschaffung

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Die fliegerische Anfängerschulung begann auf dem nahegelegenen Saufley Field. Nachdem sie 24 Flugstunden und die obligatorischen Alleinflüge auf der zweisitzigen Beech T-34B Mentor erfolgreich absolviert hatten, wurden sie nach Whiting Field, Alabama, verlegt. Dort mußten 20 Stunden Navigationstraining auf North Amer­ican T-28A Trojan erfüllt werden. Anschließend folgten 30 Stunden taktische Luftkampfausbildung und 25 Stunden trägergestützte Einsätze in Barren Field, Alabama. Darauf waren - ebenfalls auf T-28 - in Kingsville, Texas, 70 Stunden In­strumentenflugtraining zu absolvieren. Als nächster Schritt folgte ein 30stündiges Fortge­schrittenen-Jettraining auf Lockheed T2V-1 SeaStar (T-1A), nach dessen erfolgreichem Abschluß die Piloten zu ihren Geschwadern kommandiert wurden.

 

Im Gegensatz zur Luftwaffe erhielten die Marineflieger für ihre Einsatzverbände ausschließlich britische Flugzeuge: Sea Hawk zur Seezielbekämpfung sowie Seeraumüberwachung und -aufklärung; Gannet zur U-Jagd. Mit diesen Flugzeugen war auch die MFGrp1 ausgerüstet, die am 1. August 1958 in Schleswig-Jagel aufge­stellt wurde. MFGrp2, auf demselben Horst sta­tioniert, war mit Sea Hawk ausgestattet. Ein Jahr nach Aufnahme des Dienstbetriebes wurden die MFGrp in Marinefliegergeschwader (MFG) umbenannt.

 

Wesentlichster Auftrag dieser Einheiten ist die Beherrschung der Ostseeausgänge zum Atlantik (in Verbindung mit der dänischen Marine) und die Sicherung der Seeverbindungen in der Nordsee sowie den angrenzenden Seege­bieten (in Verbindung mit den dort operierenden britischen und niederländischen Verbänden). Im Konfliktfall zwischen NATO und Warschauer Pakt ist das Halten dieser Schüsselpositionen die Voraussetzung dafür, daß das Territorium der Bundesrepublik Deutschand nicht zusätzlich von Norden her bedroht und der Ausbruch der sowjetischen Ostseeflotte in den Atlantik verhindert wird. Ursprünglich war dem MFG-1 die Nord- und dem MFG-2 die Ostsee als Ope­rationsgebiet zugewiesen worden. Bedingt durch veränderte strategische Überlegungen wurden dem MFG -1 später drei der vorhandenen vier "Sea Hawk" -Staffeln zugeteilt; als Gegenleistung mußte es dem MFG-2 seine Gannet über­lassen. Am 1. April 1963 begann die Verlegung des MFG-2 nach Nordholz, wo es am 26. desselben Monats formell wieder einsatzbereit gemeldet wurde.

 

Die deutschen Verpflichtungen bei militärischen und zivilen Katastrophen und Seenotfällen wurden größtenteils von der Marineseenotstaffel (MSnStff) erfüllt. Sie war in Kiel stationiert und unterhielt Außenstellen auf den Nordseein­seln Sylt (Westerland) und Borkum. Ausgestattet war sie anfänglich mit den Drehflüglern Skeeter und Sycamore sowie den Starrflüglern Albatross, Pembroke, Magister, P.149D und Do 27. Viele dieser Muster wurden auch für Verbindungs- und Transportaufgaben verwendet.

1963-64 wurden bei den Marinefliegern verschiedene organisatorische Änderungen durchgeführt. Am 1. Januar übernahm Flottillenadmiral H. Mahlke das Kommando und im Laufe des Jahres wurden - beginnend mit dem am 26. April in Kiel-Holtenau aufgestellten MFG-3 - in schneller Folge drei zusätzliche Geschwader formiert. Länger als ein Jahr mußte MFG-3 auf sein fliegendes Gerät warten. Erst am 1. Juli 1964 konnte seine Ausstattung mit dem U-Jäger Gannet als abgeschlossen gelten. Seitdem 1. Dezember 1964 ist MFG-3 in Nordholz stationiert. Es ist derzeit mit U-Jagd- und Seefernaufklärungsflugzeugen Atlantic ausgestattet und trägt als einzige Marinefliegereinheit einen Traditionsnamen: "Graf Zeppelin". Am 1. September 1963 wurde MFG-4 als hubschraubergestützter U-Jagd-Versuchsverband aufgestellt; 1968 aufgelöst. Ihre heutige Struktur erhielt die Marinefliegerdivision, als die MSnStff am 1. Oktober 1963 in MFG-5 umbenannt und MFG-2 am 12. April 1965 den ehemaligen Luftwaffenstützpunkt Eggebeck übernahm. .

 

Die Marineflieger erhielten zwar dasselbe Kennungssystem (zwei Buchstaben gefolgt von drei Zahlen) wie die übrigen beiden fliegenden Truppengattungen (Luftwaffe und Heeresflieger), verwendeten jedoch ein gänzlich neues Identifizierungsmuster. Der erste Buchstabe wies auf die Einsatzaufgabe des Fluggerätes hin:
R = Aufklärung

S = Suche, Rettung und Verbindung
T = Schulung
U = U-Jagd
V = Jagd und  Jabo
W = U-Jagdhubschrauber

während der zweite Buchstabe auf die Einheit verwies:

A = MFGrpI MFG-1
B = MFGrpI MFG-2
C = MSnStff.

Daraus läßt sich ableiten, daß die Kennungen der Marineflieger im Bereich RA-WZ angesiedelt waren und sich nahtlos in die Rufzeichen der Luftwaffe (AA-NZ) und Heeres­flieger (PA-QZ) sowie der Spezialeinheiten (XA­n) einfügten. Ursprünglich war auch die Zahlenkombination in zwei Gruppen unterteilt. So trugen Kampfflugzeuge die Zahlen 101-115 (Gannet), 120-136, 220-236, 240-256 und 360­376 (Sea Hawk), während das fliegende Gerät der zweiten Linie gemäß Typ beginnend mit 01 numeriert wurden. Beispielsweise verwendeten die 00 27 die Kennungen SC701 bis -718, SA 721 bis -723 und SB731 bis -734. Identische Nummern trugen nur die Albatross SA101 bis -105 und Gannet UA101 bis -105.

Neues Kennungssystem

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Im November 1964 änderte sich das Kennungssystem. Zur individuellen Identifizierung der jeweiligen Einheit erhielt MFG-3 den Buchstaben C, MFG-4 = 0 und MFG-5 = E. Als zusätzliche Hilfe gab die erste der drei Zahlen Aufschluß über das Geschwader. MFG-1 verwendete die Kombination beginnend mit -A101, MFG-2 ab -B201, MFG-3 ab -C301 usw. Gut verdeutlichen läßt sich das System beim MFG-5, wo simultan unterschiedliches Gerät geflogen wurde: RE501 bis -598 = Albatross, SE513 bis -520 = Pembroke, SE521 bis -535 = 00 27, WE541 bis -546 = Sycamore, WE551 bis -559 = Marinehubschrauber Sikorsky H-34, WE571 bis -579 = ehemalige Transporthubschrauber des Heeres H-34. Bevor die Änderungen allgemein durchgeführt waren, wurde das neue Kennungssystem jedoch auch schon bei modernerem Fluggerät und nicht nur bei den Sea Hawk und Gannet angewendet, die die Wiedergeburt der deutschen Seeluftstreitkräfte erlebt hatten.

Die Starfighter Ära

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Wie die Luftwaffe stützen sich auch die Marineflieger fast völlig auf die Lockheed F-104G, die erst in den achtziger Jahren durch die Panavia Tornado ersetzt wurde.

 

Wie die Luftwaffe, so waren auch die Marineflieger durch die besonderen Umstände der deutschen Wiederbewaffnung gezwungen gewesen, ihre Staffeln mit fliegendem Gerät auszurüsten, das modemen Anforderungen nicht mehr genügen konnte und in einigen Fällen sogar zum Zeitpunkt der Beschaffung schon veraltet war. Mit der Einführung der Starfighter und Atlantic und der daraus resultierenden Ausmusterung der Sea Hawk und Gannet war deshalb eine bedeutende Kampfwertsteigerung der deutschen Einheiten verbunden. Einschließlich ihrer 72 Starfighter und 12 Atlantic verfügten die Marineflieger 1968 über insgesamt 213 Flug­zeuge. Dieser Bestand hätte sich wahrscheinlich noch vergrößert, wenn bei Dornier nicht im seilben Jahr ein Auftrag über die Lizenzfertigung von 27 Hubschraubern Bell UH-1D storniert worden wäre. Der Zulauf leistungsstärkerer Leichttransportflugzeuge (Dornier Do-28D Skyservant) hatte eine weitere Verringerung der zahlenmäßigen Stärke zur Folge, so daß die Marineflieger Ende 1971 folgendes Gerät besaßen: 88 Starfighter F-/RF-104G und 9 TF­104G, 20 Atlantic, 23 H-34 und 29 Verbindungsflugzeuge (zwei Jahre vorher waren es noch 40 gewesen).

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Nachdem MFG-4 mit seinen U-Jagdhubschraubern 1968 aufgelöst worden war, umfassten die deutschen Seeluftstreitkräfte nur noch die vier Geschwader, die auch heute noch ihren Kern bilden. Es sind MFG-1 (Schleswig-Jagel) und MFG-2 (Eggebeck) zur Bekämpfung feindlicher Luft- und See ziele sowie (1/MFG2) zur Aufklärung; MFG-3 (Nordholz) zur Seeraumüberwachung und MFG-5 (Kiel) für Such-, Rettungs-, Transport- und Verbindungsdienste. Erste Anstrengungen zur Kampfwertsteigerung dieser Geschwader wurden bereits 1967 unternommen, als sich die Marineflieger vergeblich bemühten, ihre Starfighter für eine Übergangszeit gegen 75 McDonnell F-4 Phantom auszutauschen. Sie mussten noch bis 1982 warten, bis die längst überfällige Kampfwertsteigerung ihrer Geschwader durch die Einführung der Tornado bei den Verbänden in Jagel und (1986) in Eggebeck verwirklicht werden konnte.

 

1982 erhielten die Marineflieger endlich das Flugzeug, das ihrem Auftrag entsprach, nämlich die Panavia Tornado. Die Kormoran Flugkörper der F -104 wurden beibehalten. Ihre Bewaffnung in Verbindung mit der Tiefflugge­schwindigkeit und den Abwehrsystemen machen sie zu einem ausgezeichneten Angriffsflugzeug.

KWS - Programm

 

 

Die Atlantic kann mittlerweile auf eine längere Dienstzeit zurückblicken als die Starfighter. Obwohl erste Schwierigkeiten mit Materialermüdungs- und -korrosions Erscheinungen schnell behoben werden konnten, waren schon 1972 Überlegungen angestellt worden, die Atlantic­Flotte durch 12 bis 16 Lockheed S-3A Viking abzulösen und ein entsprechender Beschaffungsauftrag über den ansehnlichen Betrag von rund DM 1 Milliarde war damals mehr als einmal fast unterschriftsreif gewesen. Schließlich verzichtete man dennoch auf die S-3A, nachdem 1977 eine umfassende Modernisierung der Atlantic beschlossen und 1982/83 ein entsprechendes KWS-Programm durchgeführt worden war. Nun ist die Ausmusterung des bewährten Flugzeuges für Anfang der 90er Jahre geplant. Bis dahin soll im Rahmen des bereits vor vielen Jahren begonnenen Projektes MPA-90 ein Nachfolgemuster gefunden werden. Da die zur Zeit in Serienfertigung gehende französische 'Atlantique 2' in ihren Leistungsmerkmalen nicht den Forderungen der Bundesmarine entspricht, konzentriert sich nun alles auf die modernisierte Lockheed P-3 'Orion'. Ursprünglich hatten die Marineflieger geplant, die ersten drei MPA-90 im Jahr 1992, je sechs 1993 und 1994 sowie drei im Jahr 1995 in Dienst zu stellen.

 

Ähnlich ist die Lage bei der Hubschrauberflotte. Auch ihre Effektivität soll durch modemes Gerät verbessert werden. Waren die Sea King ursprünglich vor allem zur Seenotrettung vorgesehen, so werden sie nun mit offensiven Waffensystemen (Seezielflugkörper) bestückt, während Lynx der 3/MFG-3 schiffsgestützt operieren und dadurch in Nord- und Ostsee eine wirksamere U-Jagd ermöglichen. Einmal vom Bundestag abgelehnt, bewiesen spätere Ver­gleiche jedoch, daß der Lynx allen Konkurrenzmodellen überlegen war. Zu seinen wenigen Mängeln zählt auch heute noch, daß seine Einsatzbereitschaft hauptsächlich durch Engpässe bei der Ersatzteilbeschaffung gefährdet ist.

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Bei den kampfwertsteigernden Maßnahmen an den Sea King handelt es sich nur um Übergangslösungen. Sie sollen die Marineflieger zur hubschraubergestützten Seezielbekämpfung befähigen und die Zeit überbrücken, bis Lynx und Sea King durch einen Hubschrauber der nächsten Generation ersetzt werden können. An der Definition eines neuen NATO-Hubschraubers für die neunziger Jahre (NH-90) sind vier Nationen beteiligt. Von der Marineversion NFH (NATO Frigate Helicopter) möchte die Bundesmarine etwa ab 1998 48 schiffs- und 24 landgestützte NH-90 einführen. Sie sollen als Bordhubschrauber der neuen Fregatten der Klasse 123 operieren und die Sea King ablösen.

 

Sogar an Land haben sich die Marineflieger den Herausforderungen der 80er Jahre gestellt: auf den Horsten sind die Tornado in gehärteten Schutzbauten abgestellt. Auf den beiden Tornado-Stützpunkten (MFG-1 und -2) sowie in Nord­holz (Atlantic) sind verbunkerte Gefechtsstände mit Einsatz- und Planungsräumen errichtet worden. Sollten diese Stände ausfallen, kann die Kommandoführung in nahebei gelegene geschützte Ausweichzentralen verlagert werden. Da Fliegerhorste auch gegen aus mittleren und niedrigen Flughöhen angreifende Gegner verteidigt werden müssen, sind in Eggebeck, Jagel und Nordholz insgesamt 20 mobile Systeme 'Roland 2' (Lenkflugkörper von Euromissile, im Shelter auf 16-Rad-Lkw von MAN aufgelastet) zum Objektschutz stationiert. Zusätzlich sind die Männer der Fliegerhorstgruppen mit der schul­tergestützten Fliegerfaust FIM-92A STINGER bewaffnet.

 

Auch der Flugzeuganstrich war im Laufe der Jahre Änderungen unterworfen. Trugen die meisten Kampfflugzeuge der Marine in den Tagen der Sea Hawk auf der Oberseite noch einen grauen und an der Unterseite einen weißen Sichtschutz, so waren die Flugzeuge der zweiten Linie (z. B. Pembroke, Do 27, Do 28D und P.149D) im allgemeinen grün-grau bemalt. Eine Ausnahme machten nur die Magister, die anfangs ohne Sichtschutz flogen. Mitte der 80er Jahre erschienen Tornado des MFG-2, Sea King und sogar Skyservant mit einer einheitlichen grauen Bemalung.

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last update 1. November 2010

written 1. November 2010

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